Zurück zur Grünen-Übersicht
GRÜNE

„95 statt 1.000 Windräder": SPD attackiert Grüne Klimabilanz in Baden-Württemberg

Karikatur: Saftig grüne Schwarzwald-Hügel mit 95 leeren Windrad-Betonfundamenten, aber nur einem einzigen einsamen Windrad in der Mitte. Ein Eichhörnchen mit Bauhelm sitzt auf dem Mast und hält ein Fragezeichen-Schild. Strahlend blauer Himmel.

Wo sind die Windräder? 15 Jahre Grüne Regierung, aber der Ausbau stockt massiv.

Es war ein heftiger Schlagabtausch im Bundestag: Die SPD-Abgeordnete Isabel Cademartori konfrontierte die Grünen mit der Klimabilanz ihrer eigenen Landesregierung in Baden-Württemberg. Von 1.000 versprochenen Windrädern seien gerade einmal 95 gebaut worden – weniger als 10 Prozent. Die Grünen konterten mit Verweisen auf Bundespolitik und Rekorde beim Solarausbau. Ein Faktencheck zur Energiewende im Ländle.

Die wichtigsten Punkte

  • Windkraft-Bilanz: Von 1.000 angekündigten Windrädern wurden unter Grün-Schwarz nur 95 gebaut. [Plattform EE BW]
  • Landesgebäude: Nur 3-4,5% der Landesgebäude haben PV-Anlagen – trotz Solarpflicht für Bürger. [SPD-Landtag BW]
  • PV-Rekorde: Bei privaten Solaranlagen verzeichnet Baden-Württemberg tatsächlich Rekordwerte mit über 2.000 MW Zubau im Jahr 2023.
  • Gabriel-Delle: Die Grünen verweisen auf Bremsmanöver der Bundespolitik unter SPD-Minister Gabriel als Ursache für die Stagnation.
  • Ländervergleich: Im 1. Halbjahr 2024 baute Baden-Württemberg 42 MW Windkraft – NRW 425 MW.

Cademartori: „Miserables Zeugnis"

Isabel Cademartori (SPD), verkehrspolitische Sprecherin aus Mannheim, nutzte die Klimadebatte für einen Rundumschlag gegen die grün-geführte Landesregierung in ihrer Heimat:

„Ich würde Sie allerdings etwas ernster nehmen können, wenn ich nicht aus Baden-Württemberg kommen würde, wo seit 15 Jahren die Grünen das Land führen. Mit großen Zielen beim Klimaschutz gestartet, am Ende allerdings nur wenig erreicht. So könnte man das ziemlich miserable Zeugnis zusammenfassen." — Isabel Cademartori (SPD), Bundestagsdebatte 04.12.2025 [📺 02:03:22]

Die SPD-Abgeordnete zitierte dabei aus dem Bericht des Klima-Sachverständigenrats Baden-Württemberg – eines unabhängigen Expertengremiums, das die Landesregierung selbst eingesetzt hat:

„Sie haben 1.000 neue Windräder versprochen, davon sind gerade mal 95 gebaut. 95, das ist weniger als 10% von dem, was Sie versprochen haben." — Isabel Cademartori (SPD), Bundestagsdebatte 04.12.2025 [📺 02:04:12]

Doch Cademartori beließ es nicht bei der Windkraft:

„Sie wollten alle Landesgebäude mit Solardächern ausstatten. Umsetzungsstand: 4,5 Prozent. Und bei der Freiflächenphotovoltaik ist Baden-Württemberg weit abgeschlagen – sogar hinter Bayern, hinter Markus Söder." — Isabel Cademartori (SPD), Bundestagsdebatte 04.12.2025 [📺 02:04:24]

Grüne Gegenattacke: Die „Gabriel-Delle"

Marcel Emmerich (Grüne) beantragte eine Kurzintervention und konterte mit Verweis auf die Bundespolitik:

„Wenn man sich fragt, warum in Baden-Württemberg der Windkraftausbau nicht so vorangekommen ist, dann muss man auch fragen, welche Rolle Sigmar Gabriel damals gespielt hat, denn er hat genau für diese Gabriel-Delle und dann die Altmaier-Delle gesorgt durch die neuen Regelungen auf Bundesebene." — Marcel Emmerich (Grüne), Bundestagsdebatte 04.12.2025 [📺 02:07:38]

Emmerich verwies zudem auf die Erfolge beim Solarausbau:

„Wenn man sich es anschaut, dann sehen wir sehr deutlich, dass es gerade im Bereich des Zubaus von Photovoltaikanlagen in Baden-Württemberg ein Rekordwert nach dem anderen gibt. Z.B. im Jahr 2023 gab es einen Zubau von rund 2.000 Megawatt. Wir sind da auch im bundesweiten Vergleich Spitze." — Marcel Emmerich (Grüne), Bundestagsdebatte 04.12.2025 [📺 02:07:20]
Karikatur: Olympia-Siegertreppchen für Windkraft-Ausbau mit NRW auf Platz 1, Baden-Württemberg und Bayern ganz unten auf dem letzten Platz.

Ländervergleich: Baden-Württemberg baut nur 2% der bundesweiten Windkraft-Kapazität.

Hintergrund: Was ist die „Gabriel-Delle"?

Der Begriff beschreibt den Einbruch beim Ausbau der Erneuerbaren Energien Mitte der 2010er Jahre. Als Sigmar Gabriel (SPD) Bundeswirtschaftsminister war (2013-2017), wurden die EEG-Vergütungssätze gesenkt und Ausschreibungsmodelle eingeführt. [PV-Angebotsvergleich]

Die Folgen:

  • Der jährliche PV-Zubau brach von 8 GW auf unter 2 GW ein.
  • Die deutsche Solarindustrie (Solarworld etc.) ging größtenteils bankrott.
  • Unter Peter Altmaier (CDU, ab 2018) setzte sich der Trend fort („Altmaier-Delle").

Erst unter der Ampel-Regierung mit Robert Habeck (Grüne) als Wirtschaftsminister wurden mit dem „Osterpaket" 2022 die Weichen neu gestellt – mit Erfolg: Der Zubau explodierte wieder. [Umweltbundesamt]

Faktencheck: Wer hat Recht?

Windkraft: Das Versagen ist real

Die Zahlen von Cademartori lassen sich weitgehend bestätigen. Baden-Württemberg baute im ersten Halbjahr 2024 nur 8 neue Windenergieanlagen mit 42 MW Leistung – so wenig wie Bayern. [Deutsche WindGuard]

Zum Vergleich: Nordrhein-Westfalen baute im gleichen Zeitraum 81 Anlagen mit 425 MW – zehnmal so viel wie Baden-Württemberg. Das Argument schlechterer Windbedingungen im Süden greift nur bedingt: Moderne Schwachwindanlagen können auch dort wirtschaftlich betrieben werden. [EnBW]

Photovoltaik: Rekorde – aber nicht beim Staat

Emmerichs Verweis auf PV-Rekorde ist faktisch korrekt. Baden-Württemberg verzeichnete 2023/2024 Rekordzubau bei Solaranlagen, primär getrieben von Privathaushalten und Unternehmen. [KEA-BW]

Allerdings: Bei den Landesgebäuden selbst sieht es düster aus. Laut SPD-Landtagsfraktion haben nur rund 3% der Landesgebäude PV-Anlagen – während das Land gleichzeitig Bürgern eine Solarpflicht bei Dachsanierung auferlegt. [Finanzministerium BW]

Die „Gabriel-Delle" als Ausrede?

Das Argument hat historische Berechtigung für den Zeitraum 2014-2020. Für 2025 greift es jedoch kaum noch: Die Ampel-Regierung hat mit dem Wind-an-Land-Gesetz und dem „überragenden öffentlichen Interesse" an Erneuerbaren die Rahmenbedingungen massiv verbessert. Dass NRW und Niedersachsen diese Steilvorlage nutzen, Baden-Württemberg aber nicht, deutet auf landesspezifische Probleme hin.

Reaktionen

Cademartori in der Erwiderung

„Ganz ehrlich, wenn Sie jetzt noch auf Sigmar Gabriel referieren müssen, um Ihre eigenen Versäumnisse schön zu reden, dann zeigt das auch, wie schlecht Sie die vergangenen Jahre genutzt haben." — Isabel Cademartori (SPD), Bundestagsdebatte 04.12.2025 [📺 02:08:40]

Klima-Sachverständigenrat BW

Das unabhängige Gremium der Landesregierung kam in seinem Bericht 2024 zu dem Schluss: „Wir hätten uns gewünscht, dass Klimaschutz Chefsache wird – aber die Ergebnisse zeigen es nun mal nicht."

Bundestagspräsidentin

Die verbalen Scharmützel zwischen SPD und Grünen kommentierten die phoenix-Moderatoren mit: „Blame Game nennt man das – der Schwarze Peter ist hier mächtig unterwegs."

Folgen & Ausblick

Der Schlagabtausch verdeutlicht die Bruchlinien innerhalb des progressiven Lagers: SPD und Grüne, die auf Bundesebene in der Opposition gemeinsam für mehr Klimaschutz streiten, geraten über die Umsetzungsbilanz aneinander.

Für Baden-Württemberg bedeutet die Stagnation:

  • Der Industriestandort bleibt abhängig von Stromimporten aus dem Norden.
  • In Dunkelflauten (Winter, wenig Wind, keine Sonne) fehlt Erzeugungskapazität.
  • Die Klimaziele 2030 des Landes sind kaum noch erreichbar.

Im März 2026 stehen Landtagswahlen in Baden-Württemberg an. Die Klimabilanz dürfte dann erneut zum Wahlkampfthema werden – mit vertauschten Rollen: Dann werden die Grünen im Bund die Rekorde der Ampel verteidigen, während die SPD in Baden-Württemberg das Versagen der Grün-Schwarzen Koalition anprangert.