Grüne setzen auf Klimageld statt Verbote: Imagewechsel oder Verzweiflung?
Auf ihrem Parteitag Ende November in Hannover präsentierten sich die Grünen kämpferisch - und überraschend selbstkritisch. Co-Parteichef Felix Banaszak sprach offen über "Flugscham" und sein erstes Auto, den "roten Flitzer Taxi Banaszak". Die Partei fordert ein gestaffeltes Klimageld und die Rückkehr zum 9-Euro-Ticket. Eine Analyse der neuen Strategie zwischen sozialem Ausgleich und klimapolitischer Kompromissbereitschaft.
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Neue Strategie: Die Grünen setzen auf sozialen Ausgleich statt Verbotspolitik.
Die wichtigsten Punkte
- Umfragen stagnieren: Die Grünen liegen laut DAWUM-Wahltrend bei 11,6 Prozent - exakt wie bei der Bundestagswahl im Februar. DAWUM, 6.12.2025
- Banaszaks "Taxi": Co-Parteichef Felix Banaszak bekannte sich auf dem Parteitag zu seinem ersten Auto und forderte eine "Sprache des Respekts" in der Klimapolitik. ZEIT, 29.11.2025
- Klimageld: Die Partei fordert ein gestaffeltes Klimageld als sozialen Ausgleich für steigende CO2-Preise. Tagesschau, 16.01.2024
- 9-Euro-Ticket: Auf Antrag der Grünen Jugend fordern die Grünen die Rückkehr zum populären 9-Euro-Ticket.
- Baden-Württemberg: Der Bundesparteitag fand bewusst nicht in BW statt, wo im März 2026 Landtagswahl ist - ein Signal der Distanz zu Cem Özdemir und Winfried Kretschmann.
Parteitag in Hannover: Neue Töne aus der Opposition
Der Grünen-Bundesparteitag Ende November 2025 in Hannover war der erste nach dem Wechsel in die Opposition. Die Stimmung in der Messehalle: kämpferisch, selbstbegeistert - und erstaunlich selbstkritisch. Co-Parteichefin Franziska Brantner eröffnete mit einer Kampfansage an die schwarz-rote Bundesregierung: "Es ist nicht gut für unser Land, so eine schlechte Regierung zu haben." Sie warf der Koalition vor, eine Politik zulasten junger Menschen zu machen. ZEIT, 28.11.2025
Fraktionschefin Katharina Dröge warnte die Regierung davor, Fortschritte der Klimapolitik zu "schreddern": "Wir werden euch das Leben zur Hölle machen." Die Drohung erhielt großen Applaus in der Halle. Auch Claudia Roth, zuletzt Kulturstaatsministerin, forderte "selbstverständlich" ein AfD-Verbot. ZEIT, 29.11.2025
Banaszaks "Taxi": Neue Sprache in der Klimapolitik
Der bemerkenswerteste Auftritt kam von Co-Parteichef Felix Banaszak. In seiner Rede am Samstagvormittag sprach er über die "große emotionale Kluft zwischen vielen Menschen und allem, was grün ist". Die Grünen hätten womöglich selbst einen Anteil an dieser Kluft, gab Banaszak zu.
Als Beispiel nannte er das Wort "Flugscham". Es sei irgendwann von der Selbst- zur Fremdbezichtigung geworden. Wer mit der Familie auf 65 Quadratmetern wohne, sich die Ostergeschenke und Essengehen spare, um einmal im Jahr nach Malle fliegen zu können, reagiere auf solche Predigten nachvollziehbarerweise mit Abwehr: "Scham verschließt, Scham öffnet nicht."
Dann wurde Banaszak persönlich. Natürlich habe er mit siebzehneinhalb den Führerschein gemacht und sich vom Sparbuch bei der Sparkasse Duisburg einen "roten Flitzer" gekauft, der schnell auf den Namen "Taxi Banaszak" getauft wurde. "Das war Freiheit, das war Leben", rief Banaszak in den jubelnden Saal.
Verbrenner, Fliegen, Freiheit - ein revolutionärer Dreiklang auf einem Grünen-Parteitag. Gleichzeitig warnte Banaszak aber: "Lassen wir uns nicht einreden, dass wir uns zu entscheiden hätten zwischen Geradlinigkeit und Mehrheitsfähigkeit." ZEIT, 29.11.2025
Vision 2025: Die Grünen wollen Klimaschutz mit sozialer Gerechtigkeit verbinden.
Klimageld als sozialer Ausgleich
Der Leitantrag des Parteivorstands zum Klima setzte vor allem auf sozialen Ausgleich. Die Partei fordert ein gestaffeltes Klimageld, um Transformationshärten abzufedern. Das Klimageld war bereits im Koalitionsvertrag der Ampel vereinbart worden, wurde aber nicht mehr umgesetzt.
Hintergrund ist der steigende CO2-Preis, der das Heizen mit Gas und Öl sowie das Tanken verteuert. Die damalige stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Julia Verlinden, hatte im Januar 2024 gesagt: "Das Klimageld muss kommen, es ist ein wichtiges Projekt der Ampel." Das Klimageld sei ein wichtiger Baustein für eine gerechte Klimapolitik: "Das Klimageld federt Belastungen ab und reizt gleichzeitig klimafreundliches Verhalten an." Tagesschau, 16.01.2024
Der damalige Finanzminister Christian Lindner (FDP) hatte die Einführung des Klimagelds in der letzten Wahlperiode abgesagt. Eine Pro-Kopf-Auszahlung sei erst ab 2025 möglich, womöglich sogar erst 2027.
9-Euro-Ticket: Rückkehr zur populären Maßnahme
Auf Antrag der Grünen Jugend forderten die Grünen auf dem Parteitag die Rückkehr zum 9-Euro-Ticket. Das Ticket war im Sommer 2022 für drei Monate eingeführt worden und hatte sich als äußerst populär erwiesen. Es wurde später durch das 49-Euro-Ticket ersetzt, das deutlich teurer ist.
Die Forderung zeigt, dass die Grünen in der Opposition stärker auf populäre Maßnahmen setzen, die breite Zustimmung finden. Das 9-Euro-Ticket hatte gezeigt, dass Klimapolitik und soziale Gerechtigkeit sich nicht ausschließen müssen.
Baden-Württemberg: Özdemir im Schatten
Auffällig war, dass der Bundesparteitag nicht in Baden-Württemberg stattfand, obwohl dort am 8. März 2026 die Landtagswahl ansteht. Cem Özdemir tritt als Spitzenkandidat an und will auf den langjährigen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann folgen.
In den Kommentaren zum ZEIT-Artikel vom 28. November schrieb eine Nutzerin: "Am 8. März ist Landtagswahl in Baden-Württemberg, dem einzigen Bundesland mit einem grünen Ministerpräsidenten und einem bekannten Nachfolgekandidaten. Und wo findet der Bundesparteitag statt? Nein nicht Baden-Württemberg, sondern in Hannover. Etwas mehr Support für die Wahlkämpfer in BW hätten die Grünen schon zeigen können. Aber es ist ja nicht einmal eine Ehrung für Winfried Kretschmann auf dem Parteitag vorgesehen - während Frau Roth heute für ihre Arbeit als Kulturstaatsministerin Blumen bekommen hat. Deutlicher kann man die Abneigung gegen Kretschmann und Özdemir nicht zeigen." ZEIT-Kommentar, 28.11.2025
Die Beziehung zwischen der Bundespartei und dem Landesverband Baden-Württemberg gilt als angespannt. Kretschmann vertritt seit Jahren einen pragmatischen, wirtschaftsfreundlichen Kurs, der mit der Linie der Bundespartei kollidiert. Özdemir gilt als Brückenbauer, hat aber in Umfragen aktuell kaum eine Chance gegen die CDU.
Umfragen: Stagnation auf niedrigem Niveau
Die Umfragewerte der Grünen haben sich seit der Bundestagswahl kaum verändert. Laut DAWUM-Wahltrend lagen die Grünen am 6. Dezember 2025 bei 11,6 Prozent - exakt dem Wert, den sie bei der Bundestagswahl im Februar 2025 erreicht hatten. Zum Vergleich: Bei der Bundestagswahl 2021 kamen die Grünen auf 14,7 Prozent. DAWUM, 6.12.2025
Einzelne Institute sehen die Grünen teils besser: Infratest dimap maß am 4. Dezember 13 Prozent, Ipsos ebenfalls 13 Prozent. Andere Institute wie INSA sehen die Grünen schlechter: Am 6. Dezember maß INSA die Grünen bei 10 Prozent - hinter der Linken, die bei 11 Prozent lag.
Die Grünen bewegen sich damit seit Monaten auf einem niedrigen Niveau zwischen 10 und 13 Prozent. Der erhoffte Oppositionsbonus ist bislang ausgeblieben.
Kritik an der neuen Strategie
Die neue Strategie der Grünen stößt auf gemischte Reaktionen. Kritiker werfen der Partei vor, ihre klimapolitische Glaubwürdigkeit zu opfern, um populärer zu werden. Wenn Banaszak sein erstes Auto feiere und Verständnis für Flugreisen äußere, verwässere das die klimapolitische Botschaft.
Befürworter sehen dagegen einen überfälligen Kurswechsel. Die Grünen hätten sich in der Ampel-Zeit zu sehr in moralisierende Verbotspolitik verstrickt. Eine Politik, die auf sozialen Ausgleich und Respekt setze, könne breite Schichten erreichen.
Die ehemalige Parteichefin Ricarda Lang sagte auf dem Parteitag, sie müsse sich erst wieder an die drei Minuten Zeitbegrenzung für einfache Delegierte gewöhnen. In der Zeit der Ampel-Koalition habe sie an sich selbst gemerkt, wie verdruckst sie in ihren eigenen Positionen wurde, gegenüber politischen Gegnern gleichzeitig kulturell verhärtete. Deshalb forderte Lang nun das Gegenteil: maximal der Welt zugewandt, dafür klar in der Sache. ZEIT, 29.11.2025
Ausblick: Opposition mit Programm
Die Grünen haben nach ihrem Parteitag ein klares Oppositionsprogramm. Sie setzen auf sozialen Ausgleich durch Klimageld und 9-Euro-Ticket, auf eine neue Sprache ohne Moralisierung - und gleichzeitig auf klare Kante gegen die schwarz-rote Regierung.
Ob diese Strategie aufgeht, wird sich zeigen. Die Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März 2026 wird ein erster Test. Die nächste reguläre Bundestagswahl findet 2029 statt - Zeit genug, um die neue Strategie zu verfeinern. Oder um festzustellen, dass die "emotionale Kluft" zwischen den Grünen und vielen Wählern größer ist, als Respekt und Klimageld überbrücken können.