Die vergessene Katastrophe: Grüne erzwingen Sudan-Debatte im Bundestag
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Titelillustration: Die Grünen erzwingen eine Debatte zur Lage im Sudan.
Heute debattiert der Deutsche Bundestag in einer Aktuellen Stunde über die „Lage im Sudan". Der Antrag kam von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen – eine bewusste Nutzung ihrer Oppositionsrolle, um ein Thema auf die politische Agenda zu setzen, das in der öffentlichen Wahrnehmung nahezu unsichtbar geworden ist. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Nach Schätzungen hat der Krieg im Sudan 150.000 Menschenleben gefordert, 19 Millionen Kinder können nicht zur Schule gehen, und drei Viertel der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Grünen wollen die Bundesregierung zwingen, Position zu beziehen – und die internationale Gemeinschaft zum Handeln bewegen. Bundestag · Deutschlandfunk
Die wichtigsten Punkte
- Aktuelle Stunde heute: Auf Antrag der Grünen-Fraktion debattiert der Bundestag über die Lage im Sudan. Die Opposition nutzt ihr parlamentarisches Recht, um ein vernachlässigtes Thema in den Fokus zu rücken. Bundestag
- Das Ausmaß der Krise: Nach Schätzungen hat der Krieg im Sudan 150.000 Tote gefordert. 19 Millionen Kinder können nicht zur Schule gehen. Drei Viertel der Bevölkerung (rund 30 Millionen Menschen) sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Deutschlandfunk
- Ausländische Einmischung: Der Konflikt wird durch massive Einmischung ausländischer Mächte befeuert – von Waffenlieferungen bis zur Unterstützung von Milizen. FCNL: Sudan Crisis
- Feministische Außenpolitik: Parallel zur Sudan-Debatte bringen die Grünen einen weiteren Antrag ein, der die Stärkung der UN-Resolution 1325 („Women, Peace, Security") fordert. Bundestag: Antrag 21/2555
Illustration: Deutschland und Hilfskorridore Richtung Sudan – visuell erklärt.
Was passiert im Sudan?
Der Sudan – ein Land im Nordosten Afrikas mit rund 45 Millionen Einwohnern – ist seit April 2023 Schauplatz eines brutalen Bürgerkriegs. Die beiden mächtigsten Militärfraktionen des Landes, die sudanesische Armee (SAF) unter General Abdel Fattah al-Burhan und die paramilitärische Miliz Rapid Support Forces (RSF) unter Mohamed Hamdan Dagalo (bekannt als „Hemedti"), kämpfen um die Macht.
Was als politischer Machtkampf begann, hat sich zu einer humanitären Katastrophe entwickelt. Städte wie Khartum, die Hauptstadt des Landes, sind weitgehend zerstört. Millionen Menschen sind auf der Flucht – sowohl innerhalb des Landes als auch in Nachbarländer wie Tschad, Ägypten und Südsudan. Die UN spricht von der „größten humanitären Krise weltweit". Deutschlandfunk
Die Dimension der Katastrophe
Die Zahlen sind erschütternd – und doch erreichen sie kaum die westliche Öffentlichkeit:
- 150.000 Tote: Schätzungen gehen davon aus, dass der Krieg seit April 2023 mindestens 150.000 Menschenleben gefordert hat. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, da viele Regionen unzugänglich sind.
- 19 Millionen Kinder ohne Schulbildung: Fast die gesamte junge Generation des Landes ist vom Bildungssystem abgeschnitten. Schulen wurden zerstört, Lehrer sind geflohen, und Familien kämpfen ums Überleben.
- 30 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen: Drei Viertel der Bevölkerung benötigen humanitäre Unterstützung – Nahrung, Wasser, medizinische Versorgung. Die internationale Hilfe reicht bei Weitem nicht aus.
- Millionen auf der Flucht: Über 10 Millionen Menschen sind innerhalb des Sudan vertrieben worden. Weitere Millionen sind in Nachbarländer geflohen, die selbst mit massiven wirtschaftlichen Problemen kämpfen.
Vergleich zur Ukraine-Krise
Zum Vergleich: Der Krieg in der Ukraine, der seit Februar 2022 läuft, hat nach UN-Angaben mindestens 60.000 zivile Todesopfer gefordert (Stand Oktober 2025). Im Sudan sind es in deutlich kürzerer Zeit mehr als doppelt so viele. Dennoch erhält der Sudan-Konflikt nur einen Bruchteil der internationalen Aufmerksamkeit und Hilfe, die der Ukraine zuteilwird. Die Grünen wollen mit ihrer Initiative dieses Ungleichgewicht sichtbar machen.
Warum ist der Konflikt so komplex?
Der Krieg im Sudan ist keine einfache Auseinandersetzung zwischen zwei Parteien. Er wird durch eine Vielzahl interner und externer Faktoren befeuert:
1. Machtkampf nach dem Putsch
Im Oktober 2021 stürzten Burhan und Hemedti gemeinsam die zivile Übergangsregierung, die nach dem Sturz des Langzeit-Diktators Omar al-Bashir 2019 an die Macht gekommen war. Anfangs arbeiteten die beiden Generäle zusammen, doch die Machtfrage – wer letztlich das Land kontrolliert – führte 2023 zum offenen Bruch.
2. Ausländische Einmischung
Der Sudan-Konflikt ist ein Stellvertreterkrieg. Verschiedene regionale und internationale Akteure unterstützen die Konfliktparteien mit Waffen, Geld und logistischer Hilfe:
- RSF (Hemedti): Erhält Unterstützung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und möglicherweise aus Libyen.
- SAF (Burhan): Wird von Ägypten und anderen regionalen Akteuren unterstützt.
- Söldner und Milizen: Es gibt Berichte über den Einsatz ausländischer Söldner, darunter die berüchtigte Wagner-Gruppe aus Russland.
3. Ressourcenkonflikte
Der Sudan ist reich an Rohstoffen – Gold, Öl, fruchtbares Ackerland. Beide Kriegsparteien finanzieren ihre Truppen durch den Verkauf dieser Ressourcen. Die RSF kontrolliert viele Goldminen im Norden des Landes; die SAF kontrolliert Ölfelder. Der Krieg ist auch ein Kampf um wirtschaftliche Kontrolle.
Die Rolle der internationalen Gemeinschaft
Während die Ukraine massive internationale Unterstützung erhält – militärisch, finanziell, humanitär –, bleibt der Sudan weitgehend sich selbst überlassen. Die Gründe sind vielschichtig:
- Geopolitische Prioritäten: Der Sudan liegt nicht im Zentrum westlicher Sicherheitsinteressen. Die Ukraine hingegen grenzt direkt an NATO-Gebiet.
- Komplexität des Konflikts: Im Sudan gibt es keine klare „Gut-Böse"-Erzählung. Beide Seiten haben Kriegsverbrechen begangen; keine Seite verdient bedingungslose Unterstützung.
- Mediale Unsichtbarkeit: Der Konflikt findet in westlichen Medien kaum statt. Es gibt wenige Journalisten vor Ort, wenige Bilder, wenig Berichterstattung.
Die Grünen wollen diese Unsichtbarkeit durchbrechen. Mit der Aktuellen Stunde zwingen sie die Bundesregierung, sich öffentlich zur Sudan-Krise zu äußern. Sie fordern konkrete Maßnahmen – von humanitärer Hilfe über diplomatische Initiativen bis hin zu Sanktionen gegen Waffenlieferanten.
Deutschland und die Sudan-Krise
Deutschland hat in der Vergangenheit eine aktive Rolle in der Sudan-Diplomatie gespielt. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hat während ihrer Amtszeit mehrfach auf die Krise hingewiesen. Doch konkrete Ergebnisse blieben aus. Die Grünen in der Opposition fordern nun, dass Deutschland zusammen mit Großbritannien und Jordanien eine Waffenruhe-Initiative vorantreibt. Deutschlandfunk
Feministische Außenpolitik als zweites Standbein
Parallel zur Sudan-Debatte bringen die Grünen heute einen weiteren Antrag (21/2555) ein, der die Stärkung der UN-Resolution 1325 („Women, Peace, Security") fordert. Diese Resolution, die im Jahr 2000 verabschiedet wurde, verpflichtet Staaten, Frauen aktiv in Friedensprozesse einzubinden und ihre Rechte in Konflikten zu schützen.
Die Grünen argumentieren: Feministische Außenpolitik ist kein Nischenthema, sondern ein „wichtiges Prinzip deutschen Handelns in der Welt". Konkret fordern sie:
- Repräsentation: Frauen müssen in allen außen-, sicherheits- und entwicklungspolitischen Entscheidungen gleichberechtigt vertreten sein.
- Rechte: Die Rechte von Frauen und marginalisierten Gruppen müssen in Konfliktgebieten besonders geschützt werden.
- Ressourcen: Mehr finanzielle Mittel für Programme, die Frauen in Krisenregionen unterstützen.
Der Antrag ist eine Fortführung der Politik, die Annalena Baerbock als Außenministerin begonnen hatte. Die Grünen wollen sicherstellen, dass feministische Außenpolitik auch unter der neuen Regierung nicht aufgegeben wird. Bundestag: Antrag 21/2555
Die Strategie der Grünen in der Opposition
Die Sudan-Debatte zeigt, wie die Grünen ihre Oppositionsrolle nutzen. Statt nur die Regierung zu kritisieren, setzen sie eigene thematische Akzente. Sie nutzen parlamentarische Instrumente – Aktuelle Stunden, Anträge, Kleine Anfragen – um Themen zu platzieren, die sonst untergehen würden.
Die Botschaft ist klar: Die Grünen verstehen sich als Anwalt globaler Gerechtigkeit, Menschenrechte und feministischer Außenpolitik. In einer Regierung, die vor allem innenpolitisch und wirtschaftlich denkt, wollen sie die außenpolitische Verantwortung Deutschlands wachhalten.
Wird die Debatte etwas ändern?
Realistische Erwartungen sind wichtig: Eine Aktuelle Stunde im Bundestag wird den Krieg im Sudan nicht beenden. Sie wird nicht die Milliarden mobilisieren, die für humanitäre Hilfe nötig wären. Aber sie kann Sichtbarkeit schaffen.
Die Grünen hoffen, dass die Debatte:
- Die Bundesregierung zu konkreten diplomatischen Initiativen drängt
- Die Medien veranlasst, mehr über den Sudan zu berichten
- Die deutsche Öffentlichkeit sensibilisiert
- Druck auf internationale Partner aufbaut, ihre Sudan-Politik zu überdenken
Ob das gelingt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Politische Debatten haben eine kurze Halbwertszeit. Aber manchmal reicht ein Moment der Aufmerksamkeit, um Prozesse in Gang zu setzen.
Fazit: Oppositionsarbeit jenseits der Innenpolitik
Die heutige Aktuelle Stunde ist ein Beispiel dafür, wie Opposition funktionieren kann. Die Grünen nutzen ihre parlamentarischen Rechte, um ein Thema auf die Agenda zu setzen, das ansonsten im Schatten stehen würde. Sie zeigen: Außenpolitik ist nicht nur Regierungsaufgabe – sie ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung.
Ob die Bundesregierung auf die Forderungen eingeht, bleibt abzuwarten. Die Große Koalition ist innenpolitisch unter Druck, außenpolitisch eher passiv. Aber die Grünen haben erreicht, was sie wollten: Der Sudan ist heute Thema im Bundestag – und damit auch in der deutschen Öffentlichkeit.
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