Iran hat Katar nicht einfach bombardiert – Iran dürfte auch versucht haben, Katars Gasvorteil anzugreifen.
Am 18. und 19. März 2026 schlugen iranische Raketen in Ras Laffan ein, dem weltgrößten LNG-Exportterminal. 17 Prozent von Katars Flüssiggas-Kapazität sind weg – laut QatarEnergy für drei bis fünf Jahre. Ausfall: 20 Milliarden Dollar jährlich. Force Majeure ausgerufen. Weltmarkt in Schockstarre.
Alle reden über den Angriff als Vergeltung für israelische Strikes auf iranische Anlagen. Das stimmt – aber das ist nur die Hälfte der Geschichte. Die andere Hälfte passiert tief unter dem Meeresboden.
Das katarische North Field und der iranische South Pars sind kein Zufall. Sie sind dasselbe Gasfeld – ein gigantisches Reservoir im Permo-Trias-Gestein, 9.700 Quadratkilometer groß, mit 51 Billionen Kubikmeter Erdgas. Zwei Länder, eine Blase unter dem Golf.
Und jetzt kommt Physik ins Spiel: In der Reservoir-Physik gilt, dass Gas Druckgefällen folgt. Wer mehr pumpt, senkt auf seiner Seite den Druck – und über längere Zeit könnte sich dadurch das Fördergleichgewicht zulasten der Nachbarseite verschieben. Katar hat seit den 1990ern mit massiver westlicher Hilfe gepumpt: ExxonMobil, Shell, TotalEnergies. Der Iran? Durch Sanktionen gebremst, technologisch abgehängt, kaum Exportinfrastruktur. Ergebnis: Jahrzehntelang profitierte Katar wohl stärker von diesem gemeinsamen Feld – physikalisch, unsichtbar, aber unter Experten seit langem diskutiert.
Die Raketen könnten diesen Effekt zumindest gebremst haben.
Jedes LNG-Terminal, das in Ras Laffan stillsteht, dürfte die katarische Förderrate über Zeit drücken. Damit könnte sich auch der Druckunterschied im Feld verringern. Das iranische Gas bliebe dann tendenziell eher im Boden – bis der Iran selbst irgendwann die Kapazität hat, es zu fördern. Das ist keine Emotion. Das ist eine Logik, die in der Reservoir-Physik diskutiert wird. Und in Teheran dürfte man das sehr genau wissen.
Saad Al-Kaabi, CEO von QatarEnergy, hat die 3-5 Jahre Reparaturzeit bestätigt. Das ist kein konservativer Schätzwert – das ist die physikalische Realität der Lieferketten. Allein die Luftzerlegungsanlagen für die zerstörte Pearl GTL-Fabrik haben Fertigungszeiten von 3-4 Jahren, weil weltweit nur eine Handvoll Firmen wie Linde oder SIAD sie bauen können. Kein Geld der Welt beschleunigt das.
Was heißt das für Deutschland? Direkt. Konkret. Schmerzhaft.
2022 hatte ConocoPhillips mit QatarEnergy einen 15-Jahres-Vertrag unterzeichnet: 2 Millionen Tonnen LNG pro Jahr ab 2026 – direkt für Brunsbüttel. Das Gas sollte diesen Winter erstmals fließen. Ob und wann es nun tatsächlich fließt, ist offen. Die Force Majeure dürfte diesen Vertrag mindestens vorerst zerlegt haben.
Deutsche Gasspeicher stehen bei 22 Prozent – historisches Rekordtief für März. Der TTF-Gaspreis notiert schon bei 70 Euro pro Megawattstunde. Analysten sehen bis Winter 100 bis 130 Euro als realistisch – bei Kälteeinbrüchen deutlich mehr. Und anders als 2022 gibt es diesmal keine billigen staatlichen Preisbremsen mehr im Köcher.
Der Iran hat Krieg mit Physik geführt. Er hat dabei nicht nur Katar getroffen – er könnte indirekt auch Brunsbüttel treffen. Und deinen Gasanbieter. Und womöglich deinen nächsten Heizkostenbescheid.
Das Gemeine: Es war brillant. Nicht nach Völkerrecht. Nicht nach Moral. Aber nach Geopolitik.