Grünen-Parteitag: 9-Euro-Ticket beschlossen, Özdemir wirbt für Autoindustrie
Der Bundesparteitag der Grünen in Hannover zeigt die Partei im Richtungsstreit. Die Grüne Jugend setzt gegen den Vorstand das 9-Euro-Ticket durch. Gleichzeitig wirbt Cem Özdemir um die bürgerliche Mitte – mit dem Satz „Wir können Auto".
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Zwei Richtungen, eine Partei: Die Grünen zwischen ÖPNV-Utopie und Autoindustrie-Realismus.
Die wichtigsten Punkte
- 9-Euro-Ticket: Die Grüne Jugend setzt in einer Kampfabstimmung die Forderung nach einer Rückkehr zum 9-Euro-Ticket durch – finanziert durch Vermögenssteuern und Abgaben auf Privatjets. Spiegel
- Niederlage für den Vorstand: Franziska Brantner und Felix Banaszak hatten ein 49-Euro-Ticket mit Sozialstaffelung bevorzugt. taz
- Özdemirs Gegenkurs: Der Spitzenkandidat für Baden-Württemberg distanziert sich vom Beschluss und ruft: „Wir können Auto, diese Partei kann Auto." Landtag BW
- Die Strategie: Özdemir will wie Kretschmann als unabhängiger Landesvater wahrgenommen werden – nicht als Parteisoldat.
Hintergrund: Ein Parteitag der Widersprüche
Die Grünen befinden sich nach dem Machtverlust im Bund in einer Identitätskrise. Der Bundesparteitag in Hannover sollte den Aufbruch markieren – stattdessen wurde er zur Bühne für interne Konflikte.
Der klassische Grünen-Konflikt „Realos gegen Fundis" ist zurück. Diesmal trägt er die Überschriften „49-Euro-Ticket" versus „9-Euro-Ticket" und „Verbrenner-Ausstieg" versus „Zukunftspakt mit der Autoindustrie".
Das 9-Euro-Ticket: Sieg der Basis
Der spektakulärste Beschluss des Parteitags: Die Grünen fordern offiziell die Rückkehr zum 9-Euro-Ticket. Das bundesweite Nahverkehrsticket hatte im Sommer 2022 für drei Monate gegolten und wurde dann durch das 49-Euro-Ticket ersetzt.
Die Grüne Jugend hatte den Antrag gegen den erklärten Willen des Bundesvorstands eingebracht. Die Finanzierung soll durch zwei Maßnahmen erfolgen:
- Vermögenssteuer auf große Vermögen
- Abgaben auf Privatjets und Luxusgüter
Der Bundesvorstand um die neuen Vorsitzenden Franziska Brantner und Felix Banaszak hatte für eine realistischere Variante geworben: Ein 49-Euro-Ticket mit Sozialstaffelung, bei dem Geringverdiener weniger zahlen. Die Delegierten stimmten dagegen.
Die politische Bedeutung
Für Brantner und Banaszak ist der Beschluss eine erste schwere Niederlage. Sie müssen nun eine Forderung nach außen vertreten, die sie selbst für unrealistisch halten. CDU und FDP haben bereits angekündigt, den Beschluss als Beleg für „finanzpolitische Geisterfahrer" zu nutzen.
Özdemir: „Wir können Auto"
Den Gegenpol zum 9-Euro-Ticket-Beschluss bildete die Rede von Cem Özdemir. Der Bundeslandwirtschaftsminister ist Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Baden-Württemberg im März 2026 – und er nutzte den Parteitag für eine demonstrative Abgrenzung.
„Wir können Auto, diese Partei kann Auto." — Cem Özdemir, Bundesparteitag Hannover Landtag BW
Özdemir warb in seiner Rede für einen „Zukunftspakt mit der Automobilindustrie". Er warnte seine eigene Partei vor „Sprech- und Denkverboten" und ignorierte die Parteitagsbeschlüsse zum Verbrenner-Aus weitgehend.
Die Kretschmann-Kopie
Özdemir verfolgt eine klare Strategie: Er will das „Kretschmann-Modell" kopieren. Winfried Kretschmann regiert Baden-Württemberg seit 2011 als eine Art überparteilicher Landesvater, der sich regelmäßig von der Bundespartei distanziert.
Özdemir weiß: In Stuttgart kann er nur gewinnen, wenn er die bürgerliche Mitte anspricht. Die Forderung nach einem 9-Euro-Ticket kommt in den Automobilregionen um Stuttgart und Sindelfingen nicht gut an.
Analyse: Die Partei droht zu zerreißen
Der Parteitag in Hannover zeigt die Grünen in einem strategischen Dilemma:
- Die Bundesebene: Die Partei rückt nach links (9-Euro-Ticket, Vermögenssteuer). Die Grüne Jugend gewinnt an Einfluss.
- Die Länderebene: Die Landesfürsten (Özdemir in BW, künftig möglicherweise andere) rücken zur Mitte und gehen auf Distanz.
In der Opposition mag diese Vielstimmigkeit kurzfristig Aufmerksamkeit generieren. Mittelfristig erschwert sie jedoch die Schärfung eines klaren Profils gegen die Regierung Merz.
Chancen & Risiken
✅ Chancen
- Klare Positionierung mobilisiert die Basis
- 9-Euro-Ticket ist populär (hohe Zustimmung in Umfragen)
- Özdemir kann in BW eigenständig agieren
⚠️ Risiken
- Widersprüchliche Botschaften verwirren Wähler
- Finanzierungsfrage bleibt unbeantwortet
- Gefahr der „Linksrutsch"-Narrative durch Gegner
Folgen & Ausblick
Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Grünen ihre Widersprüche produktiv nutzen können – oder ob der Konflikt zwischen Basis und Landesverbänden eskaliert.
Der erste Test ist die Landtagswahl in Baden-Württemberg am 1. März 2026. Dort wird sich zeigen, ob Özdemirs Distanzierungsstrategie aufgeht – oder ob die Partei für ihre internen Kämpfe abgestraft wird.