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Koalition

Aktivrente vor der Hürde: Finanzausschuss streitet über 2.000 Euro Steuerfreibetrag

Am 1. Dezember 2025 fand im Bundestag die öffentliche Anhörung zum Aktivrentengesetz statt. Die Kritik von Gewerkschaften und Arbeitgebern ist massiv – von beiden Seiten. Trotzdem hält die Regierung Merz am Starttermin 1. Januar 2026 fest.

Satirische Comic-Illustration: Rentner mit Werkzeug und Steuerbescheid vor dem Bundestag, symbolisiert die Aktivrente

Weiterarbeiten lohnt sich? Die Aktivrente soll Rentnern bis zu 2.000 Euro steuerfrei ermöglichen – doch Experten sind skeptisch.

Die wichtigsten Punkte

  • Das Gesetz: Wer im Rentenalter weiterarbeitet, darf bis zu 2.000 Euro pro Monat steuerfrei dazuverdienen. Auch der Progressionsvorbehalt ist ausgesetzt. Bundestagsdrucksache 21/2673
  • Starttermin: Das Aktivrentengesetz soll zum 1. Januar 2026 in Kraft treten. IHK Hannover
  • Kosten: Das Finanzministerium rechnet mit Steuermindereinnahmen von etwa 890 Millionen Euro jährlich.
  • DGB-Kritik: Die Gewerkschaft warnt vor einem Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz (Art. 3 GG) und sieht eine soziale Schieflage. DGB-Stellungnahme
  • Arbeitgeber-Skepsis: Auch Arbeitgeber fürchten Fehlanreize – Vollzeitkräfte könnten auf die steuerfreien 2.000 Euro optimieren.

Hintergrund: Was ist die Aktivrente?

Das Aktivrentengesetz ist das zentrale arbeitsmarktpolitische Projekt der Regierung Merz. Die Idee: Wer das gesetzliche Rentenalter erreicht hat und trotzdem weiterarbeitet, soll dafür belohnt werden.

Konkret bedeutet das:

  • 2.000 Euro steuerfrei: Pro Monat können Rentner bis zu 2.000 Euro Erwerbseinkommen steuerfrei behalten.
  • Kein Progressionsvorbehalt: Das steuerfreie Einkommen erhöht nicht den Steuersatz auf die Rente.
  • Weniger Sozialabgaben: Die Arbeitnehmeranteile zur Arbeitslosen- und Rentenversicherung entfallen (optional).

Das Ziel der Regierung: Ältere Arbeitnehmer sollen länger im Beruf bleiben, um den Fachkräftemangel zu lindern und die Sozialkassen zu stabilisieren.

Analyse: Warum beide Seiten kritisieren

Die Gewerkschafts-Kritik: Matthäus-Effekt

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat in seiner Stellungnahme fundamentale Bedenken angemeldet. Anja Piel (DGB) fasst zusammen:

„Die Regelung kostet Milliarden, löst aber keins der vorhandenen Probleme." — Anja Piel, DGB-Vorstand evangelisch.de

Die konkreten Kritikpunkte:

  • Gleichheitsgrundsatz (Art. 3 GG): Warum soll ein 67-Jähriger für die gleiche Arbeit steuerfrei verdienen, während ein 60-Jähriger voll besteuert wird?
  • Selektivität: Beamte und Selbstständige sind ausgeschlossen.
  • Matthäus-Effekt: Es profitieren vor allem gut verdienende Schreibtischarbeiter, die körperlich in der Lage sind, länger zu arbeiten. Der Dachdecker oder die Pflegekraft mit 65 haben nichts davon.

Die Arbeitgeber-Skepsis: Fehlanreize

Auch die Arbeitgeberverbände sind nicht überzeugt. Ihre Sorge: Wenn 2.000 Euro steuerfrei sind, könnten Vollzeitkräfte ihre Arbeitszeit reduzieren, um genau diese Schwelle zu treffen. Netto hätten sie dann fast so viel wie vorher – aber dem Arbeitsmarkt würden Stunden fehlen.

Zusätzlich kritisieren Arbeitgeber den bürokratischen Aufwand: Die Lohnabrechnung muss steuerfreie Bestandteile separat ausweisen.

Die Koalitions-Position: Pragmatismus

Die Regierung hält trotz der Kritik am Gesetz fest. Für die CDU ist es ein Instrument der Leistungsgerechtigkeit. Fritz Güntzler (CDU) appelliert im Bundestag an die Kritiker:

„Lassen Sie es uns doch erstmal versuchen." — Fritz Güntzler (CDU), Finanzausschuss Bundestag

Für die SPD ist die Aktivrente ein Kompromiss: Sie verhindert eine Erhöhung des Renteneintrittsalters, die der Koalitionspartner CDU ursprünglich wollte. Frauke Heiligenstadt (SPD) betont, dass dies nur ein Baustein sei – parallel arbeite man an der Erwerbsbeteiligung von Frauen und Migranten.

Hintergrund-Insight: Warum gerade jetzt?

Die Aktivrente ist auch eine Reaktion auf gescheiterte Reformen der Vergangenheit. Die Aktienrente (Generationenkapital) der FDP konnte in der Ampel-Zeit nicht durchgesetzt werden. Da der Aufbau eines Kapitalstocks Jahrzehnte dauert und die Kapitalmärkte volatil sind, braucht die Regierung Merz jetzt Liquidität.

Die Aktivrente soll die „stille Reserve" des Arbeitsmarktes mobilisieren: erfahrene Fachkräfte, die eigentlich in Rente gehen könnten, aber fit und motiviert genug sind, weiterzuarbeiten.

Chancen & Risiken

✅ Chancen

  • Fachkräfte bleiben länger im Arbeitsmarkt
  • Rentner haben mehr Netto vom Brutto
  • Sozialkassen werden kurzfristig entlastet
  • Wissenstransfer zwischen Generationen

⚠️ Risiken

  • Verfassungsrechtliche Bedenken (Art. 3 GG)
  • Nur gut situierte Rentner profitieren
  • Mögliche Arbeitszeitreduzierung statt Ausweitung
  • 890 Mio. Euro jährliche Steuerausfälle

Folgen & Ausblick

Das Aktivrentengesetz wird trotz der Kritik voraussichtlich am 1. Januar 2026 in Kraft treten. Die Koalitionsmehrheit im Bundestag ist stabil.

Die erste Bilanz wird frühestens Ende 2026 möglich sein: Wie viele Rentner nutzen die Regelung tatsächlich? Und: Arbeiten sie mehr Stunden – oder optimieren sie nur ihre Steuer?

Sollte das Bundesverfassungsgericht angerufen werden, könnte die Gleichheitsfrage zur juristischen Bewährungsprobe werden. Der DGB hat bereits signalisiert, dass er entsprechende Klagen unterstützen würde.