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Berlin-Blackout: 45.000 Haushalte ohne Strom – Bundesanwaltschaft ermittelt wegen Terrorismus

Karikatur: Dunkle Berliner Straßen nach Stromausfall, Notfalleinsatzkräfte mit Taschenlampen.

Dunkelheit im Januar: Für 45.000 Berliner Haushalte fiel der Strom aus – vier Tage lang.

Seit Samstag sitzen Zehntausende Berliner im Dunkeln – ohne Heizung, ohne Licht, mitten im Januar. Die linksextreme „Vulkangruppe" hat sich zum Brandanschlag auf die Stromversorgung bekannt. Jetzt ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen Terrorismus, die Bundeswehr ist im Einsatz. Heute soll der Strom zurückkommen – doch die politische Debatte über Linksterrorismus und Infrastruktur-Sicherheit läuft erst an.

Die wichtigsten Punkte

  • 45.000 Haushalte betroffen: Brandanschlag auf Kabelbrücke am Kraftwerk Lichterfelde legte Zehlendorf, Wannsee und Nikolassee lahm.
  • Vulkangruppe bekennt sich: Linksextreme Tätergruppe mit mindestens 11 Anschlägen seit 2011. Polizei stuft Bekennerschreiben als authentisch ein.
  • Bundesanwaltschaft übernimmt: Ermittlungen wegen Terrorismus, verfassungsfeindlicher Sabotage und Störung öffentlicher Betriebe.
  • Bundeswehr im Einsatz: Notstromaggregate, Truppenküchen, Kraftstofftransporte – Großschadenslage ausgerufen.
  • Wegner und Spranger sprechen von „Linksterrorismus": CDU-Bürgermeister und SPD-Innensenatorin fordern härteren Kurs gegen linksextreme Szene.
  • Heute ab 11 Uhr: Strom soll schrittweise zurückkehren. Noch 19.900 Haushalte betroffen.

Was ist passiert?

In der Nacht zum Samstag, 3. Januar 2026, legten Unbekannte Brandsätze an einer Kabelbrücke über dem Teltowkanal beim Kraftwerk Lichterfelde. Fünf Hochspannungskabel und zehn Mittelspannungskabel wurden zerstört.

Die Folge: Der längste Stromausfall in Berlin seit dem Zweiten Weltkrieg. 45.000 Haushalte und 2.200 Gewerbebetriebe waren plötzlich ohne Strom – und viele auch ohne Heizung. Bei Minusgraden. Mitten im Januar.

Betroffen sind die Stadtteile Zehlendorf, Wannsee, Nikolassee, Lichterfelde und Teile von Steglitz. Pflegeheime mussten evakuiert werden, Supermärkte blieben geschlossen, der Mobilfunk fiel aus.

Karikatur: Vogelperspektive auf die zerstörte Kabelbrücke am Kraftwerk Lichterfelde, Notfalleinsatz der Bundeswehr.

Einsatz rund um die Uhr: Die zerstörte Kabelbrücke am Kraftwerk Lichterfelde wird repariert.

Warum das wichtig ist

Es geht um weit mehr als einen lokalen Stromausfall. Drei Punkte machen die Dimension klar:

1. Die Verwundbarkeit kritischer Infrastruktur
Der Anschlag zeigt, wie anfällig zentrale Versorgungssysteme sind. Eine einzige Kabelbrücke – und 45.000 Haushalte stehen im Dunkeln. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) kündigte an, den Schutz kritischer Infrastruktur zu überprüfen.

2. Die Debatte über Linksterrorismus
Wegner und Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) sprechen offen von „Linksterrorismus". Wegner: „Das ist kein Spaß, hier spielt man bewusst mit dem Leben von Menschen. Wir werden den Druck auf diese linke Szene deutlich erhöhen."

Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen – ein Zeichen dafür, dass der Staat den Anschlag als Terrorismus einstuft. Es wird unter anderem wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, verfassungsfeindlicher Sabotage und Störung öffentlicher Betriebe ermittelt.

3. Die Vulkangruppe – eine Serie von Anschlägen
Die „Vulkangruppe" ist keine neue Erscheinung. Seit 2011 haben die Täter mindestens 11 Anschläge auf Stromversorgung, Bahntrassen und Funksendemasten verübt.

Darunter: der Anschlag auf das Tesla-Werk in Grünheide (März 2024), der Stromausfall in Berlin-Adlershof (September 2025) und jetzt der bisher folgenreichste Anschlag. Die Täter sind trotz jahrelanger Ermittlungen unbekannt. Der Verfassungsschutz geht von einer gefestigten Struktur aus.

Das Bekennerschreiben

Am 4. Januar veröffentlichte die „Vulkangruppe" ein Bekennerschreiben auf einer linksextremen Internetplattform. Die Berliner Polizei stuft es als authentisch ein – es enthält Detailwissen vom Tatort.

Darin heißt es: „Die Kabelbrücke, die nicht öffentlich verzeichnet ist und vom Kraftwerk Lichterfelde über den Teltowkanal geführt wird, haben wir zur Seite der Grünanlagen hin in Brand gesetzt." Die Täter beschreiben präzise, wie sie 64 Kabelrohre mit „vier Baustellenspießen" miteinander verbunden haben, um einen Kurzschluss zu erzwingen.

Die Begründung: „Eine notwendige Maßnahme gegen den Ausbau der fossilen Gaskraftwerke in Deutschland." Das Handeln richte sich „nicht gegen Menschen, sondern gegen eine Infrastruktur, die tagtäglich Menschen, Umwelt und Zukunft zerstört".

Am Dienstagabend folgte ein zweites Schreiben – diesmal eine „Richtigstellung" zu Spekulationen, Russland könne hinter dem Anschlag stecken. Die Gruppe schreibt: „Dass Menschen hier vor Ort in der Lage sind, Infrastruktur anzugreifen, passt nicht ins Sicherheitsnarrativ von Politik und Behörden. Also wird ein äußerer Feind konstruiert."

Reaktionen der Politik

Bundesregierung (GroKo CDU/SPD):
Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen – ein klares Signal, dass der Bund den Anschlag als Terrorismus einstuft. Kanzler Friedrich Merz äußerte sich bisher nicht öffentlich, aber die Übernahme durch die Bundesanwaltschaft zeigt: Die Regierung nimmt das ernst.

Berliner Landesregierung (CDU/SPD):
Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU): „Das ist nicht nur eine Brandstiftung oder Sabotage. Das ist schon Terrorismus. Es war eine linksextremistische Gruppe, die einmal mehr unsere Infrastruktur angegriffen hat und damit auch das Leben von Menschen bedroht hat."

Innensenatorin Iris Spranger (SPD): „Wir sprechen von einem linksterroristischen Anschlag auf unser Stromnetz, hochkonspirativ vorbereitet und mit erheblicher krimineller Energie ausgeführt. Das ist ein Angriff auf unsere Sicherheit. Lebensgefahr für ältere Menschen und vulnerable Gruppen wurden als Kollateralschaden von den Tätern in Kauf genommen."

Grüne:
Kritisieren die Wortwahl „Linksterrorismus" als überzogen. Grünen-Innenpolitikerin Vasili Franco: „Sabotage ist ein schweres Verbrechen, aber wir sollten den Begriff Terrorismus nicht inflationär verwenden."

AfD:
Fordert härtere Strafen für linksextreme Gewalt und wirft der rot-grün-roten Vorgängerregierung vor, die linke Szene jahrelang verharmlost zu haben.

Die Linke:
Verurteilt den Anschlag scharf, warnt aber vor einer Instrumentalisierung: „Wer jetzt pauschal die linke Szene unter Generalverdacht stellt, spielt mit dem Feuer."

FDP:
Innenpolitischer Sprecher Konstantin Kuhle: „Die Täter müssen mit der vollen Härte des Rechtsstaats verfolgt werden. Gleichzeitig brauchen wir dringend besseren Schutz für kritische Infrastruktur."

Die Debatte: Linksterrorismus oder Einzelfall?

Die politische Einordnung ist umstritten. Während Wegner und Spranger von „Linksterrorismus" sprechen, warnen andere vor Pauschalisierungen. Fakt ist: Die Vulkangruppe ist seit 2011 aktiv, die Anschläge werden immer folgenreicher – und die Täter sind unbekannt.

Der Verfassungsschutz Berlin schrieb bereits 2019: „Auf diese Weise soll die Funktionsweise des ‚kapitalistischen Alltags' durchbrochen und Menschen zum Innehalten genötigt werden."

Die Frage bleibt: Handelt es sich um eine gefestigte terroristische Vereinigung – oder um eine lose Struktur wechselnder Aktivisten?

Folgen & Ausblick

Heute ab 11 Uhr soll der Strom schrittweise zurückkehren. Die Senatsverwaltung für Inneres bittet Betroffene, Notstromaggregate bis 10.30 Uhr auszuschalten und starken Stromverbrauch zunächst zu vermeiden.

Die politischen Folgen sind noch nicht absehbar. Drei Szenarien:

1. Härterer Kurs gegen Linksextremismus
Wegner hat angekündigt, den Druck auf die linke Szene zu erhöhen. Die Frage ist: Wie weit geht der Senat? Besteht die Gefahr, dass legitime linke Strukturen unter Generalverdacht geraten?

2. Besserer Schutz kritischer Infrastruktur
Der Anschlag zeigt: Eine einzige Kabelbrücke kann zum Nadelöhr werden. Berlins Senat will die Sicherheitskonzepte überprüfen. Die Kosten dafür dürften in die Millionen gehen.

3. Die Suche nach den Tätern
Seit 2011 ist die Vulkangruppe aktiv – gefasst wurde niemand. Gelingt der Bundesanwaltschaft jetzt der Durchbruch?