BSW: Parteitag in Magdeburg – Machtkampf, Namensstreit und die Zukunft ohne Wagenknecht
Das Bündnis Sahra Wagenknecht steht vor einem historischen Wendepunkt. Auf dem Bundesparteitag am 6. und 7. Dezember 2025 in Magdeburg wählt die Partei eine neue Führung. Fabio De Masi und Amira Mohamed Ali übernehmen – während die Namensgeberin selbst in die neu geschaffene Grundwertekommission wechselt. Doch die Frage, ob die Partei ihren Namen behalten kann, spaltet das BSW.
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Wendepunkt: Das BSW wählte am 6. und 7. Dezember in Magdeburg eine neue Führung.
Die wichtigsten Punkte
- Neue Doppelspitze: Fabio De Masi (50, Ex-EU-Parlamentarier) und Amira Mohamed Ali (45, aktuell Parteivorsitzende) sollen das BSW künftig führen. taz, 04.12.2025
- Wagenknecht-Rückzug: Die Namensgeberin kandidiert nicht mehr für den Parteivorsitz und übernimmt stattdessen den Vorsitz einer neuen Grundwertekommission. Deutschlandfunk, 07.12.2025
- Namensänderung: Die Partei wird sich in „Bündnis Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft“ umbenennen. Das Kürzel „BSW“ bleibt erhalten. Die Änderung greift erst im Oktober 2026. Table Media, 06.12.2025
- Regierungsbeteiligungen: Das BSW ist in Brandenburg und Thüringen an der Landesregierung beteiligt, in Sachsen scheiterte eine Koalition am Ukraine-Streit.
- Mitgliederzahl: Rund 15.000 Mitglieder – ein Nachteil gegenüber etablierten Parteien mit eigener Infrastruktur.
Der Übergang: De Masi und Mohamed Ali übernehmen
Am 6. und 7. Dezember 2025 traf sich das BSW in Magdeburg zu seinem zweiten ordentlichen Bundesparteitag. Die Wahl einer neuen Führung stand im Mittelpunkt. Als Favoriten gelten Fabio De Masi, 50 Jahre alt und ehemaliger Europaabgeordneter, sowie die bisherige Parteivorsitzende Amira Mohamed Ali, 45.
De Masi ist kein Unbekannter. Der gelernte Volkswirt machte sich im Europaparlament mit seinen Wirecard-Recherchen einen Namen. Nach seinem Ausscheiden aus der Politik arbeitete er als Unternehmensberater, bevor Wagenknecht ihn für das BSW-Projekt gewann. Im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2025 kandidierte er erfolglos für das Direktmandat in Hamburg. BSW Pressemitteilung, 2025
Mohamed Ali gehörte 2024 zu den Mitgründerinnen des BSW. Die Juristin stammt aus Niedersachsen und war zuvor Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag. Sie gilt als enge Vertraute Wagenknechts – und wird nun deren Nachfolge als Parteichefin antreten.
Wagenknechts neue Rolle: Die Grundwertekommission
Sahra Wagenknecht selbst kandidiert nicht mehr für den Parteivorsitz. Stattdessen soll sie Vorsitzende einer neuen "Grundwertekommission" werden, die über die programmatische Ausrichtung der Partei wacht. Diese Konstruktion erinnert an das Ehrenvorsitzenden-Modell anderer Parteien – mit dem Unterschied, dass Wagenknecht weiterhin erheblichen Einfluss behalten dürfte. Deutschlandfunk, 07.12.2025
Da das BSW den Einzug in den Bundestag verpasst hat, konzentriert sich Wagenknecht nun vollständig auf die ideologische Führung und die Medienpräsenz der Partei. Sie bleibt das Gesicht des BSW – auch ohne formale Führungsposition.
Magdeburg 2025: Das BSW versammelt sich zum richtungsweisenden Parteitag.
Die Namensfrage: Personenkult oder Marke?
Eine der heikelsten Debatten auf dem Parteitag betrifft den Namen. "Bündnis Sahra Wagenknecht" – das ist in der deutschen Parteienlandschaft einzigartig. Kritiker sehen darin einen Personenkult, der der Partei langfristig schaden könnte. Table Media, 06.12.2025
Der neue Name wurde beschlossen: „Bündnis Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft“. Diese Wortwahl ist strategisch kalkuliert. Sie behält das etablierte Kürzel BSW bei, füllt es aber mit programmatischen Schlagworten statt mit einem Personennamen. Doch die Umsetzung erfolgt erst zum 1. Oktober 2026 – wegen der anstehenden Landtagswahlen.
Hintergrund der Debatte ist auch Wagenknechts unklare Rolle. Solange sie Parteivorsitzende war, erschien der Name logisch. Mit ihrem Rückzug aus der ersten Reihe stellt sich die Frage, ob eine Partei dauerhaft nach einer Person benannt sein kann, die nicht mehr führt.
Regieren in Thüringen und Brandenburg
Das BSW hat 2024 einen bemerkenswerten Aufstieg hingelegt. In drei ostdeutschen Landtagswahlen – Thüringen, Sachsen, Brandenburg – erreichte die Partei jeweils zweistellige Ergebnisse. In Thüringen sitzt das BSW seit November 2024 in einer Brombeer-Koalition mit CDU und SPD. In Brandenburg regiert es seit Dezember 2024 gemeinsam mit der SPD.
Diese Regierungsbeteiligungen sind historisch: Zum ersten Mal beteiligt sich eine so junge Partei an Landesregierungen. Gleichzeitig belasten interne Konflikte das Bild. In Brandenburg trat Landesvorsitzender Robert Crumbach nach nur sieben Monaten im Amt zurück. Die Landesverbände klagen über mangelnde Unterstützung durch die Bundespartei.
In Sachsen scheiterte eine mögliche Koalition mit CDU und SPD an der Haltung zum Ukraine-Krieg. Das BSW bestand auf einer friedenspolitischen Präambel im Koalitionsvertrag, die die CDU nicht mittragen wollte. MDR, 21.11.2024
Strukturelle Schwächen: 15.000 Mitglieder
Das BSW leidet unter einem strukturellen Problem: Die Partei hat nur rund 15.000 Mitglieder. Zum Vergleich: Die SPD hat über 360.000, die CDU rund 365.000. Selbst die FDP bringt es auf 72.000 Mitglieder. taz, 04.12.2025
Diese Mitgliederschwäche zeigt sich im Alltag. Es fehlen Ortsverbände, ehrenamtliche Strukturen, Wahlkampfhelfer. In vielen Wahlkreisen konnte das BSW bei der Bundestagswahl keine Direktkandidaten aufstellen. Die Partei ist stark abhängig von medialer Präsenz und der Strahlkraft ihrer Gründerin.
BSW: Die Bilanz nach zwei Jahren
Gründung: Januar 2024 durch Sahra Wagenknecht und weitere Ex-Linke
Mitglieder: ca. 15.000
Bundestagswahl 2025: 4,981% – fehlten 9.529 Stimmen zur 5%-Hürde, NICHT im Bundestag
Regierungsbeteiligungen: Thüringen (mit CDU/SPD), Brandenburg (mit SPD)
Kernthemen: Friedenspolitik, soziale Gerechtigkeit, restriktive Migrationspolitik
Die Bundestagswahl-Niederlage und das Trauma
Die vorgezogene Bundestagswahl am 23. Februar 2025 wurde zum Desaster. Mit 4,981 Prozent verfehlte das BSW die Fünf-Prozent-Hürde um exakt 9.529 Stimmen. Die Partei ist NICHT im Bundestag vertreten. Dieses knappe Scheitern – eines der knappsten in der Geschichte der Bundesrepublik – hat die Partei traumatisiert.
Das BSW hat Wahlprüfungsbeschwerde eingelegt und argumentiert, dass Zählfehler und Verwechslungen auf dem Wahlzettel (mit dem „Bündnis Deutschland“) ursächlich für das Scheitern waren. Die Hoffnung auf eine partielle Wahlwiederholung ist der Strohhalm, an den sich die Partei klammert. Doch strategisch kann sich eine Partei nicht auf die Justiz verlassen.
Ausblick: Professionalisierung oder Zerfall?
Der Parteitag in Magdeburg wird zeigen, in welche Richtung sich das BSW entwickelt. Gelingt es De Masi und Mohamed Ali, die Partei zu professionalisieren und breiter aufzustellen? Oder bleibt das BSW eine "Ein-Frau-Partei", die ohne Wagenknechts tägliche Präsenz ins Bedeutungslose abrutscht?
Die Regierungsbeteiligungen in Thüringen und Brandenburg bieten eine Chance, sich als gestaltende Kraft zu beweisen. Gleichzeitig bergen sie Risiken: Kompromisse in Koalitionen könnten die Basis verprellen, die auf klare Kante setzt.
Die Namensänderungs-Debatte ist symptomatisch. Das BSW muss entscheiden, ob es sich von seiner Gründerin emanzipieren kann – oder ob der Name Programm bleibt, auch wenn die Namensgeberin nicht mehr im Vordergrund steht.