Nach 4 Jahren Stillstand: Rahmedetalbrücke öffnet wieder – 1,5 Milliarden Euro Schaden
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Nach über vier Jahren Vollsperrung: Bundeskanzler Merz gibt die Rahmedetalbrücke offiziell frei.
Für Tausende Pendler und die gesamte Wirtschaft in Südwestfalen endet heute eine Geduldsprobe, die zum Symbol für Deutschlands Infrastrukturkrise wurde. Bundeskanzler Friedrich Merz gibt die neue Rahmedetalbrücke auf der A45 offiziell für den Verkehr frei – nach über vier Jahren Vollsperrung. Der volkswirtschaftliche Schaden: mindestens 1,5 Milliarden Euro.
Die wichtigsten Punkte
- Gesamtschaden 1,5 Milliarden Euro: Das Institut der deutschen Wirtschaft beziffert die Kosten der Sperrung auf diese Rekordsumme. [IW Köln]
- 48.000 Autos pro Tag: Vor der Sperrung passierten täglich rund 48.000 PKW und 16.000 LKW die Brücke. [Radio MK]
- 4 Jahre Umwege: Seit dem 2. Dezember 2021 war die Brücke gesperrt – wegen akuter Einsturzgefahr. [Wikipedia]
- 170 Millionen Euro Baukosten: Die neue Brücke kostete viermal mehr als ursprünglich 2014 geplant.
- Teilöffnung heute: Zunächst fährt der Verkehr zweispurig in beide Richtungen auf einer Brückenhälfte. Vollständige Fertigstellung im Herbst 2026.
Hintergrund: Wie es zur Katastrophe kam
Die Rahmedetalbrücke ist ein Schlüsselbauwerk der A45 – der wichtigsten Nord-Süd-Verbindung zwischen Frankfurt und Dortmund. Als am 2. Dezember 2021 massive Korrosionsschäden und statische Mängel festgestellt wurden, musste die Brücke sofort gesperrt werden.
Doch die Geschichte des Versagens begann viel früher. Bereits 2014 wurde ein Neubau mit geschätzten Kosten von 43,5 Millionen Euro beschlossen. Die Planungen begannen 2015 – doch der Landesbetrieb Straßenbau NRW stoppte die Arbeiten 2017 kurzzeitig, um andere Brückenprojekte vorzuziehen.
Die Folge: Die Brücke stand wegen akuter Einsturzgefahr still, bevor die Bagger für den Neubau bereit waren.
Vier Jahre Ausnahmezustand: Lüdenscheid wurde zur Dauerstau-Zone, während der Neubau voranschritt.
Warum das wichtig ist
Die Rahmedetalbrücke steht beispielhaft für Deutschlands Infrastrukturkrise. Es geht um mehr als nur eine Brücke – es geht um die Frage, ob Deutschland noch in der Lage ist, große Bauprojekte schnell und effizient umzusetzen.
Die ökonomische Dimension
Das Institut der deutschen Wirtschaft hat die volkswirtschaftlichen Kosten der Sperrung detailliert aufgeschlüsselt:
- Logistik & Transport: 1,0 Milliarden Euro – Mehrkosten durch Staus, Umwege und Fahrzeitüberschreitungen [IW Studie]
- Einzelhandel & Gastronomie: 500 Millionen Euro – Umsatzverluste durch mangelnde Erreichbarkeit der Innenstadt Lüdenscheid
- Regionale Standortkosten: 600 Millionen Euro – Dämpfung des Wachstumspfads allein für den Märkischen Kreis [IW Consult]
Lüdenscheid, ein Zentrum für hochspezialisierte Automobilzulieferer und Weltmarktführer im Mittelstand, wurde systematisch von seinen Lieferketten abgeschnitten. Die Region verlor massiv an Wettbewerbsfähigkeit.
Ein Signal der Handlungsfähigkeit
Positiv zu vermerken: Nach dem offiziellen Baustart am 5. Oktober 2023 wurde das erste Teilbauwerk in rekordverdächtigen zwei Jahren fertiggestellt. Für deutsche Verhältnisse ist das eine beeindruckende Beschleunigung.
Die vorzeitige Teilöffnung erspart der Region nach IW-Berechnungen weitere Schäden in Höhe von rund 60 Millionen Euro allein für den kommenden Winter.
Technische Details der neuen Brücke
Die neue Rahmedetalbrücke ist eine fünffeldrige Stahlverbundkonstruktion mit einer Gesamtlänge von 453 Metern. Der Entwurf sieht zwei getrennte Überbauten vor, die eine Gesamtbreite von etwa 36 Metern erreichen werden.
Die Auftragssumme für die Bietergemeinschaft aus Habau, MCE und Bickhardt Bau belief sich auf rund 170 Millionen Euro – eine erhebliche Steigerung gegenüber den ersten Schätzungen von 43,5 Millionen Euro im Jahr 2014. Die Kostensteigerung ist auf gestiegene Materialpreise und die massive Beschleunigung der Bauprozesse zurückzuführen.
Reaktionen: Erleichterung und Mahnung
Bundeskanzler Friedrich Merz nutzte die Wiedereröffnung für eine grundsätzliche Aussage zur Infrastruktur-Offensive seiner Regierung. In seiner Ansprache betonte er die Notwendigkeit, den Investitionsstau bei Brücken und Straßen bundesweit aufzulösen.
Wirtschaftsverbände in Südwestfalen zeigten sich erleichtert, mahnten jedoch an, dass zahlreiche weitere Brücken in NRW vor dem Kollaps stehen. Als Beispiel wird die Wiehltalbrücke auf der A4 genannt, über die täglich 25.000 LKW rollen und bei der ebenfalls eine Vollsperrung droht, sollte der Sanierungsstau nicht aufgelöst werden.
Folgen & Ausblick
Die Rahmedetalbrücke ist zurück – aber die Lehren aus dieser Krise müssen gezogen werden. Die Geschichte zeigt: Politische Fehlpriorisierungen bei der Infrastruktur kosten Milliarden und gefährden ganze Wirtschaftsregionen.
Die vollständige Fertigstellung der zweiten Brückenhälfte ist für Herbst 2026 geplant. Bis dahin läuft der Verkehr zweispurig in beide Richtungen auf verengten Fahrbahnen – ein Provisorium, aber ein funktionierendes.
Für Südwestfalen bedeutet die Wiedereröffnung das Ende einer jahrelangen Agonie. Für Deutschland bleibt sie eine Mahnung: Infrastruktur ist kein Luxus, sondern die Lebensader der Wirtschaft.